Internistische Privatpraxis für die Abnehmspritze in Hamburg

Retatrutid: der Triple-Agonist (GIP/GLP-1/Glukagon) – aktueller Stand 2026

Ein fachärztlicher Ratgeber von Dr. med. Amir S. Naderi – Facharzt für Innere Medizin, Nephrologie & Adipositas-Medizin. Stand: Juli 2026.

Wichtiger Hinweis zur Verfügbarkeit: Retatrutid ist ein Prüfpräparat und weltweit – auch in Deutschland – noch nicht zugelassen und nicht verschreibbar. Der Wirkstoff ist derzeit ausschließlich im Rahmen klinischer Studien verfügbar; eine Markteinführung wird frühestens 2028 erwartet. Dieser Beitrag informiert vorab über den aktuellen wissenschaftlichen Stand. Vermeintliche „Retatrutid“-Angebote aus dem Internet stammen aus unregulierten Quellen und sind aus ärztlicher Sicht dringend zu meiden.

Nach Semaglutid (Wegovy) und Tirzepatid (Mounjaro/Zepbound) gilt Retatrutid (Entwicklungsname LY3437943, Hersteller Eli Lilly) als der derzeit am meisten beachtete Wirkstoff der neuen Generation von Abnehmmedikamenten. Der Grund: Retatrutid wirkt nicht auf ein oder zwei, sondern auf drei Hormonrezeptoren gleichzeitig – und erzielte in den ersten großen Zulassungsstudien den bislang höchsten dokumentierten Gewichtsverlust dieser Medikamentenklasse. Dieser Beitrag ordnet die Datenlage sachlich ein: Was Retatrutid ausmacht, wie wirksam und sicher es ist – und wann realistisch mit einer Verfügbarkeit zu rechnen ist.

Das Wichtigste in Kürze
  • Retatrutid aktiviert drei Rezeptoren zugleich: GIP, GLP-1 und Glukagon – daher die Bezeichnung „Triple-Agonist“.
  • In der Phase-3-Studie TRIUMPH-1 (2.339 Teilnehmende ohne Diabetes, 80 Wochen) führte die höchste Dosis (12 mg) zu durchschnittlich 28,3 % Gewichtsreduktion; in der Verlängerung bis Woche 104 waren es bis zu 30,3 %.
  • Damit ist Retatrutid in Studien der bislang wirksamste Wirkstoff dieser Klasse – deutlich stärker als Semaglutid (~15 %) und Tirzepatid (~20–22 %).
  • Häufigste Nebenwirkungen sind dosisabhängige Magen-Darm-Beschwerden (Übelkeit, Durchfall) – wie bei den bereits zugelassenen Wirkstoffen.
  • Zulassung: noch keine – weder in der EU noch in den USA. Der Zulassungsantrag bei der US-Behörde FDA wird für Ende 2026 erwartet, eine Markteinführung frühestens 2028.

Was ist ein Triple-Agonist – und was macht Retatrutid anders?

Die bekannten Abnehmspritzen ahmen körpereigene Darmhormone nach. Semaglutid wirkt allein über den GLP-1-Rezeptor; Tirzepatid kombiniert GLP-1 mit einem zweiten Rezeptor (GIP) und ist dadurch etwas wirksamer. Retatrutid geht einen Schritt weiter und aktiviert einen dritten Rezeptor hinzu – den des Hormons Glukagon.

Die drei Angriffspunkte ergänzen sich:

  • GLP-1 dämpft den Appetit, verzögert die Magenentleerung und verstärkt das Sättigungsgefühl.
  • GIP unterstützt die Blutzuckerregulation und verbessert vermutlich die Verträglichkeit.
  • Glukagon steigert zusätzlich den Energieverbrauch und fördert den Fettabbau in der Leber. Genau diese dritte Komponente unterscheidet Retatrutid von allen bisher zugelassenen Wirkstoffen und gilt als Erklärung für den besonders hohen Gewichtsverlust.

Retatrutid wird wie Semaglutid und Tirzepatid einmal wöchentlich unter die Haut gespritzt und die Dosis über mehrere Wochen langsam gesteigert.

Die Studienlage: das TRIUMPH-Programm

Bereits die Phase-2-Studie sorgte 2023 für Aufsehen: Teilnehmende verloren unter 12 mg Retatrutid nach 48 Wochen im Schnitt 24,2 % ihres Körpergewichts (veröffentlicht im New England Journal of Medicine). Solche Werte waren mit Medikamenten zuvor nicht erreicht worden.

Diese Ergebnisse wurden 2026 in großen Phase-3-Zulassungsstudien (Programm „TRIUMPH“) bestätigt. Die wichtigste Studie, TRIUMPH-1, untersuchte 2.339 Erwachsene mit Adipositas ohne Typ-2-Diabetes über 80 Wochen. Nach der höchsten Dosis (12 mg) erreichten die Teilnehmenden durchschnittlich 28,3 % Gewichtsreduktion; in einer Verlängerung bis Woche 104 stieg der Wert bei stark adipösen Teilnehmenden auf bis zu 30,3 %. Zum Vergleich: die Placebo-Gruppe verlor nur rund 2 %.

Weitere Studien des Programms untersuchen Retatrutid auch bei Typ-2-Diabetes (TRANSCEND-T2D-1: rund 16,8 % Gewichtsverlust bei gleichzeitiger deutlicher Blutzuckersenkung) sowie bei obstruktiver Schlafapnoe und Kniearthrose – also bei typischen Folge- und Begleiterkrankungen der Adipositas.

Wie viel Gewichtsverlust ist realistisch?

Die Zahlen aus TRIUMPH-1 sind Durchschnittswerte unter Studienbedingungen – also mit engmaschiger Begleitung und in Kombination mit einer Lebensstiländerung. Der individuelle Erfolg schwankt: Ein Teil der Teilnehmenden verlor deutlich mehr, andere weniger. Unter 12 mg erreichten in TRIUMPH-1 immerhin rund 45 % der Teilnehmenden einen Gewichtsverlust von mindestens 30 %. Die folgende Tabelle ordnet Retatrutid im Vergleich zu den bereits zugelassenen Wirkstoffen ein.

Wirkstoff (Handelsname) Rezeptoren Ø Gewichtsreduktion (Studie) Status in Deutschland
Semaglutid (Wegovy) GLP-1 ~15 % (STEP) zugelassen
Tirzepatid (Mounjaro / Zepbound) GIP + GLP-1 ~20–22 % (SURMOUNT) zugelassen
Retatrutid GIP + GLP-1 + Glukagon ~28 % (TRIUMPH-1, 12 mg) nicht zugelassen (Prüfphase)

Die Werte stammen aus unterschiedlichen Studien und sind nicht direkt vergleichbar (verschiedene Kollektive, Studiendauer und Dosierungen). Ein direkter Kopf-an-Kopf-Vergleich der drei Wirkstoffe liegt bislang nicht vor.

Nebenwirkungen und Sicherheit

Das Nebenwirkungsprofil ähnelt dem der bereits bekannten Wirkstoffe. Im Vordergrund stehen dosisabhängige Magen-Darm-Beschwerden: In TRIUMPH-1 traten Übelkeit (je nach Dosis rund 29–42 %), Durchfall, Verstopfung und Erbrechen deutlich häufiger auf als unter Placebo. Diese Beschwerden sind meist leicht bis mittelschwer und nehmen mit langsamer Dosissteigerung ab. Ein Therapieabbruch wegen Nebenwirkungen war unter der höchsten Dosis bei etwa 11 % der Teilnehmenden notwendig.

Eine Besonderheit ergibt sich aus der Glukagon-Komponente: Diese kann den Ruhepuls leicht erhöhen und den Blutzucker beeinflussen, weshalb Retatrutid gerade bei Menschen mit Diabetes engmaschig überwacht wird. Langzeitdaten zu Herz-Kreislauf-Ereignissen liegen noch nicht vor – sie werden erst mit Abschluss der laufenden Studien erwartet. Aus diesem Grund ist die abschließende Sicherheitsbewertung Teil des noch nicht abgeschlossenen Zulassungsverfahrens.

Besonders interessant für Leber und Stoffwechsel

Aus internistischer Sicht ist die Glukagon-Wirkung über das reine Abnehmen hinaus spannend: Glukagon fördert den Abbau von Leberfett. In frühen Untersuchungen reduzierte Retatrutid den Fettgehalt der Leber sehr deutlich, weshalb der Wirkstoff auch bei der Fettlebererkrankung (MASH/NAFLD) erforscht wird. Da Adipositas, Fettleber, Typ-2-Diabetes und eingeschränkte Nierenfunktion häufig gemeinsam auftreten, könnte ein Wirkstoff, der Gewicht, Blutzucker und Leberfett zugleich verbessert, langfristig einen relevanten Stellenwert bekommen. Belastbare Aussagen zum Nutzen für Nieren- oder Lebererkrankungen sind jedoch erst nach Abschluss der entsprechenden Studien möglich.

Wann kommt Retatrutid nach Deutschland?

Derzeit ist Retatrutid nirgendwo auf der Welt zugelassen. Nach dem erfolgreichen Abschluss der ersten Phase-3-Studien wird der Zulassungsantrag beim US-amerikanischen Arzneimittelamt FDA voraussichtlich Ende 2026 eingereicht. Eine Entscheidung ist – je nach Verfahren – frühestens Ende 2027 zu erwarten, eine tatsächliche Markteinführung damit realistisch nicht vor 2028. Für die Zulassung in der Europäischen Union durch die EMA ist mit einem zeitlichen Nachlauf zu rechnen; ein konkreter Termin für Deutschland steht noch nicht fest.

Dringende Warnung vor Bezug aus dem Internet

Weil Retatrutid noch nicht zugelassen ist, gibt es keine legale Möglichkeit, es über Apotheke oder Ärztin/Arzt zu erhalten. Im Internet werden dennoch Produkte unter dem Namen „Retatrutide“ angeboten – häufig als „Forschungschemikalie“ deklariert. Von einem solchen Bezug ist dringend abzuraten: Zusammensetzung, Reinheit und Dosierung sind ungeprüft, das Risiko von Verunreinigungen und Fehldosierungen ist hoch und eine ärztliche Überwachung fehlt völlig. Wer heute eine medikamentöse Gewichtsreduktion in Betracht zieht, sollte auf die bereits zugelassenen und geprüften Wirkstoffe zurückgreifen – im Rahmen einer ärztlichen Begleitung.

Häufige Fragen

Ist Retatrutid besser als Mounjaro oder Wegovy?

In den bisherigen Studien erzielte Retatrutid einen höheren durchschnittlichen Gewichtsverlust als Semaglutid und Tirzepatid. Ein direkter Vergleichsversuch der Wirkstoffe unter identischen Bedingungen fehlt jedoch, und Retatrutid ist noch nicht zugelassen. „Besser“ lässt sich daher noch nicht abschließend sagen – für die Praxis zählen aktuell nur die verfügbaren, geprüften Wirkstoffe.

Kann ich Retatrutid schon verschrieben bekommen?

Nein. Retatrutid ist ein Prüfpräparat und in Deutschland nicht verschreibungsfähig. Ein Zugang besteht derzeit ausschließlich über die Teilnahme an einer klinischen Studie.

Wie wird Retatrutid angewendet?

Wie die anderen Wirkstoffe dieser Klasse wird Retatrutid einmal wöchentlich unter die Haut gespritzt. Die Dosis wird über mehrere Wochen schrittweise gesteigert, um Magen-Darm-Beschwerden zu verringern.

Was bedeutet „Triple-Agonist“?

Der Begriff beschreibt, dass der Wirkstoff drei Hormonrezeptoren gleichzeitig aktiviert (GIP, GLP-1 und Glukagon). Semaglutid wirkt nur über einen, Tirzepatid über zwei dieser Rezeptoren.

Was kann ich jetzt tun, wenn ich abnehmen möchte?

Auf Retatrutid zu warten ist für die meisten Betroffenen keine sinnvolle Strategie. Mit Semaglutid und Tirzepatid stehen bereits wirksame, zugelassene Optionen zur Verfügung. In einem ärztlichen Beratungsgespräch lässt sich individuell klären, welcher Weg zu Ihrer Situation passt.

Quellen

Dr. med. Amir S. Naderi, Facharzt für Innere Medizin und Nephrologie in Hamburg

✓ Medizinisch geprüft
Dr. med. Amir S. Naderi
Facharzt für Innere Medizin & Nephrologie (Deutschland & USA), ausgebildet an Johns Hopkins und UT Southwestern, zertifiziert vom American Board of Internal Medicine.
Dieser Beitrag wurde fachärztlich erstellt und geprüft (zuletzt: Juli 2026). Dr. Naderi hat die Wissensplattform nephrobesity ins Leben gerufen und leitet sie redaktionell rund um die Schnittstelle von Niere und Adipositas.

Mehr über Dr. Naderi →

nephrobesity – die Fachplattform von Dr. Naderi zur Schnittstelle von Nierenheilkunde und Adipositas.